Nicht mehr wollen – auch ein guter Vorsatz für das neue Jahr

Straße mit Kreidezeichnung "Weniger" ist "Mehr"

Über gute Vorsätze

Straße mit Kreidezeichnung "Weniger" ist "Mehr"Zu Beginn des Jahres setzen sich viele Menschen neue Ziele – die guten Vorsätze für das neue Jahr. Man startet optimistisch ins neue Jahr und ist voller Tatendrang und Energie.
Ich gehöre auch dazu. Ich freue mich auf einen gemütlichen Nachmittag an dem ich Pläne schmiede und meine persönliche Zielvereinbarung festlege.

Ich meine damit nicht die Klassiker: mit dem Rauchen aufhören, abnehmen, mehr Sport machen. Obwohl das wirklich gute Vorsätze sind, geben viele Menschen den gefassten Entschluss nach ein paar Wochen wieder auf. Willkommen im Leben und Alltagstrott. Zurück bleibt das schlechte Gewissen, ein Gefühl von Versagen, „es wieder nicht geschafft zu haben“. Also setzen sich einige Menschen gar keine Ziele, um dieses Gefühl zu vermeiden.

Andere wiederum gehen so hart mit sich selbst ins Gericht, dass dies schon einer Art Selbstzerstörung gleichkommt. Permanente Selbstkritik, Disziplin und Kontrolle bestimmen dann den Alltag. Häufig erlebe ich das bei Männern und Frauen in der Lebensmitte, die mit Härte und gnadenloser Disziplin versuchen an einem jugendlichen Körper zu arbeiten, was eigentlich von Natur aus nur noch sehr schwer zu erreichen ist. Manch eine gesundheitsbewusste Ernährung hat bereits etwas zwanghaftes. Clean eating (Orthorexie) nennt man das, wenn gesundheitsbewusstes Essen zur Sucht wird.

Zielvereinbarungen und Wachstum

Doch darum soll es in meinem Beitrag gar nicht gehen. Wie immer wende ich mich wieder unserer heutigen Arbeitswelt zu, in der Leistung und Disziplin als Garanten für Erfolg stehen. In Unternehmen werden Anfang des Jahres neue Ziele gesetzt, und somit quälen sich wieder viele Führungskräfte und Mitarbeiter durch zahlreiche Zielvereinbarungsgespräche, an die nicht selten ein Teil der Vergütung gekoppelt ist.

Für Unternehmer steigt der Druck kontinuierlich. Sie wollen schneller und besser sein als ihre zahlreichen Wettbewerber. Denn in disruptiven Märkten ist Stillstand das Todesurteil. Zudem erwarten Aktionäre eine hohe Dividende und einen stabilen, besser noch einen steigenden Aktienkurs. Hohe Gewinnmargen und schlanke Prozesse stehen seit Jahren auf der Tagesordnung, und somit braucht es immer mehr!

Mehr Umsatz, mehr Neukunden, Mehr Produktivität!

Mit Wachstum ist in Wirtschaftsunternehmen nur selten persönlicher Wachstum gemeint. Es geht in Organisationen nur um eine positive Gewinnerwartungen und somit um materiellen Wachstum.
2017 begann auch mein Jahr wieder voller Tatendrang. Ich hatte so viele Pläne und Ziele, doch ich merkte schnell, dass ich keine Kraft hatte, alles voranzutreiben.

Ich war verunsichert und wunderte mich über mich selbst. Normalerweise bin ich ein Machertyp, der die Ärmel hochkrempelt und auf das gesetzte Ziel sicher hinarbeitet.

Das habe ich bisher immer so gemacht: Ziel erreicht, nächstes Ziel und so habe ich es auch in meinem ganzen Berufsleben gelernt. Angefangen bei der Bank, wo das Ziel lautete: mehr Sparverträge verkaufen, Fondvolumen erhöhen und höhere Abschlusssummen erzielen.

Anschließend in der Personalberatung, noch dazu in Leitungsfunktion, ging es ebenfalls nur um mehr! Mehr Umsatz, mehr Personalvermittlungen, höhere Vermittlungsprovisionen, höhere Margen etc.

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass dies mit meinem Wechsel zu einer Unternehmensberatung auch nicht anders wurde: mehr Kundenaufträge, höhere Tagessätze, höheres Trainingsvolumen!
Ist doch klar, dass ich dies auch für mein eigenes Unternehmen so fortführte.
Geht es denn anders?

Vom quantitativen Wachstum zum persönlichen Wachstum

In den letzten Jahren habe ich sehr viel gearbeitet und auch viel erreicht, worauf ich sehr stolz bin. Seit meiner Selbstständigkeit habe ich mein Business kontinuierlich weiterentwickelt. Auch für das Jahr 2017 hatte ich wieder viele Ideen, Pläne und Ziele. Doch wie bereits gesagt, es fehlte mir regelrecht die Puste.

Dies irritierte mich so sehr, dass ich zeitweise gar nicht mehr wusste, was ich eigentlich will. Das war neu für mich, denn gewöhnlich wusste ich das immer ganz genau.

Wie viele Unternehmer und ehrgeizige Menschen, neige ich dazu das Erreichte mit einem neuen Ziel übertreffen zu wollen. Ich höre noch unseren damaligen Geschäftsführer, der nach einem enorm erfolgreichen Jahr auf der Jahresauftaktveranstaltung zwar zu dem Erfolg gratulierte, doch gleichzeitig 30% mehr Umsatz forderte als aktuell erreicht.

In meine Coachingpraxis kommen viele erschöpfte Führungskräfte, um einen Weg aus dieser „höher-schneller-weiter“ Welt zu finden. Manche kommen auch, um sich auf eine Gehaltsverhandlung vorzubereiten, denn für die harte „Schuffterei“ wollen sie zukünftig ein höheres „Schmerzensgeld“ verlangen. Bitte mehr Geld!

Irgendwie absurd, da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn für mehr Geld wird mehr Leistung erwartet und somit enden viele im Dauerstress.

Mich beschäftigt dieses Thema aktuell sehr. Denn weshalb brauchen wir denn immer mehr? Weshalb ist es so schwer zufrieden zu sein, mit dem was ist?

Letztes Jahr beschloss ich also für mich selbst, mich über das Erreichte zu freuen und zufrieden zu sein, mit dem was ist. Kein neues Ziel, nicht mehr wollen. Da ich mich schon seit langer Zeit mit dem Thema Achtsamkeit beschäftige, wollte ich versuchen einfach im Moment zu leben und zu genießen, was gerade ist.

Mit dieser Entscheidung spürte ich sofort eine totale Erleichterung. Plötzlich hatte ich wieder genug Energie.

Nichts wollen

Ich will auf gar keinen Fall Wachstum und Entwicklung in Frage stellen, gar Stillstand begrüßen. Das ist mit „nicht mehr wollen“ nicht gemeint.

Ich stelle mir folgende Fragen:

  • Was wäre, wenn wir aufhören würden immer mehr zu wollen?
  • Wäre es möglich entspannter und zufriedener zu leben?
  • Oder tauchen dann andere Sorgen auf?
  • Wären wir glücklicher oder fehlt uns dann der Antrieb?

Die Sehnsucht nach Entspannung, Ruhe und Glück scheint noch nie so groß gewesen zu sein wie heute. Doch bei der Suche nach Glück und Zufriedenheit, neigen viele auch dazu, mehr von etwas zu wollen, als einfach nur zu sein. Sie wollen mehr Urlaub, ein Wellness Wochenende im 5 Sterne Hotel, mehr Komfort, bessere Technik, ein schöneres Haus und ein komfortableres Auto, um sich damit von den Strapazen des Arbeitslebens zu erholen.

Klar werden auch die Stimmen lauter, die das Reduzieren, sprich „Downshifting“ begrüßen. Einige haben den Ausstieg geschafft und ihre Arbeitszeit reduziert.

Weniger Geld, dafür mehr Zeit!

Was wäre möglich, wenn wir einfach nur unseren Job engagiert und mit Freude machen, ohne uns permanent zu Höchstleistungen zu trimmen?

Weshalb müssen wir uns dauernd selbst optimieren?

Mehr Bildung, mehr Wissen, mehr Leistung, mehr Disziplin, mehr Produktivität, mehr Sport. Das perfekte Bild von einer erfolgreichen beruflichen Karriere, einer harmonischen Beziehung, intelligenten Kindern und selbst schlank, schön, gesund und fit. Puhh, das klingt anstrengend und auch irgendwie unrealistisch.

Nicht mehr wollen kann auch gleichgesetzt werden mit „etwas sein zu lassen“.

Wie wäre es, wenn wir folgendes einfach sein lassen:

  • Permanente Überstunden
  • Sinnloses surfen in den sozialen Medien
  • Fernsehen
  • Stundenlanges chatten mit Freunden in WhatsApp
    Früher hat man doch auch miteinander telefoniert! Übrigens vermeidet das direkte Gespräch Missverständnisse 😉
  • Konsum

Fragen Sie sich beim nächsten Einkauf, ob Sie wirklich das Paar Turnschuhe, den Pulli, das neue I-Phone oder den Thermomix brauchen!

Ich ertappe mich jedes Mal dabei, dass ich große Bewunderung für diejenigen hege, die sich einfach mal aus unserer schnelllebigen Welt herausnehmen, die ihren Lebensstil reduzieren, um weniger zu arbeiten.

Oder diejenigen, die ihr Hab und Gut untervermieten oder verkaufen, um durch die Welt zu reisen. Viele von uns lieben die Geschichten von Aussteigern, wie z.B. der Investmentbanker der nun Hüttenwirt in den Alpen ist, oder der vielbeschäftige Manager, der ins Kloster ging. Das heißt ja nicht, dass wir das auch machen müssen.

Dazu möchte ich bestimmt nicht raten. Doch meines Erachtens spricht da eine große Sehnsucht aus uns – eventuell die Sehnsucht nach Ruhe und Entschleunigung.

Es entsteht immer Neues

Die Verlockungen unserer Zeit treiben uns zwangsläufig immer weiter an. Höher, schneller, weiter, das ist nun mal Gesetz unserer freien Marktwirtschaft.

Wir sind alle nicht immun gegen die vielen Konsummöglichkeiten und Annehmlichkeiten unserer heutigen Zeit, sowie gegen die verführerischen Werbebotschaften, die erst diese Bedürfnisse in uns wecken.

Rückblickend kann ich sagen, war meine Entscheidung in 2017 einfach nicht mehr zu wollen, das Beste was ich machen konnte.

Diese Vorgehensweise war nicht nur eine Bereicherung für mein Business, sondern für mein Leben.
Denn statt eines materiellen Wachstums bin ich persönlich gewachsen „gereift“.

Folgendes habe ich für mich in dieser Zeit wieder entdeckt:

  • Ich habe meine Neugier befriedigt und mich mit Themen beschäftigt, auf die ich einfach Lust hatte. Diesmal habe ich Bücher aus reiner Neugier und Freude gelesen, und nicht wie sonst aus einer beruflichen Motivation heraus.
  • Ich entwickelte eine innere Ruhe und Kraft, die mir geholfen hat, schwierige und emotionale Themen mit Gelassenheit zu meistern.
  • Ich hatte mehr Zeit für spontane Verabredungen, die zu ganz wundervollen Begegnungen wurden.
  • Ich fühlte mich erstmalig in meinem Leben an keinem einzigen Tag wirklich „urlaubsreif“, denn ich sorgte gut für meinen Energiehaushalt.

Es war kein leichtes Jahr, doch es war ein sehr lehrreiches Jahr.

Meine inneren Antreiber, die stets zur Leistungserbringung aufrufen, ermahnten mich ständig und es war schwer Ihnen nicht nachzugeben.

Permanent lagen sie mir in den Ohren:

  • Du musst doch …!
  • Setz dich doch endlich mal an das Thema …!
  • Du solltest unbedingt… z.B. auch bloggen und deinen Karriere-Letter verschicken!
  • Lass dich nicht so gehen … !
  • Fang doch endlich mit … an!

Prioritäten anders setzen

Natürlich gab es auch sehr arbeitsintensive Zeiten im letzten Jahr. Im September und November hatte ich richtig viel zu tun und war permanent unterwegs. Dafür lies ich es dann im Oktober und Dezember etwas ruhiger angehen und hatte dann wieder Zeit für mich, für meine Freunde und Familie.

In den ruhigeren Weihnachtfeiertagen hat mich eine Reportage – „Horst Lichter sucht das Glück“, die am 25.12.2017 im ZDF lief – inspiriert.

Mit seinem Kumpel Jenke von Wilmsdorff fuhr Horst Lichter mit dem Motorrad durch Norwegen, um herauszufinden, weshalb dort angeblich die glücklichsten Menschen leben.

Sie fanden heraus, dass die Norweger einfach sehr entspannt leben, indem sie Prioritäten anders setzen als wir Deutsche. In Norwegen steht an erster Stelle die Familie, Freunde und Freizeit (Hobbies) und dann erst die Arbeit.

Wir Deutsche setzen oft die Arbeit an die erste Stelle, ganz im Sinne von „schaffe, schaffe Häusle baue“. Danach folgt erst Familie und Vergnügen.

Auch wenn in Norwegen nicht die Arbeit an erster Stelle steht, heißt dass nicht, dass die Norweger nicht hart und engagiert arbeiten. Im Gegenteil, sie sind mit viel Herzblut bei der Arbeit. Sie übertreiben es damit nur nicht.

Und das könnte doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr sein.

Ich wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr.
Ihre Sandra Lorenz

Foto:
Fotolia 144694723 – Weniger ist mehr Verzicht verzichten besser Leben Minimalist Konzept Entscheidung© Markus Mainka

Sandra Lorenz ist Recruiterin, Karriereberaterin und Business Coach. Sie hilft Unternehmen Mitarbeiter zu finden und zu fördern. Als Coach unterstützt Sie Menschen bei ihrer persönlichen Karriereplanung und Entwicklung. Berufliche Neuorientierung, Selbstführung und souveränes Auftreten sind Ihre Themen.

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Sandra Lorenz ist Recruiterin, Karriereberaterin und Business Coach. Sie hilft Unternehmen Mitarbeiter zu finden und zu fördern. Als Coach unterstützt Sie Menschen bei ihrer persönlichen Karriereplanung und Entwicklung. Berufliche Neuorientierung, Selbstführung und souveränes Auftreten sind Ihre Themen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sandra, du sprichst mir aus dem Herzen. Weniger wollen ist nicht Verlust und Verzicht, heißt nicht, sich zu bescheiden, sondern sich zu bereichern an dem, was unser Menschsein wirklich ausmacht. Wann treffen wir uns auf einen Kaffee?!

    • Liebe Renate, vielen Dank. Ja das sehe ich genauso. viele fühlen sich so getrieben und ich kenne dieses Gefühl auch sehr gut. Doch oft ist alles schon da, man muss es nur sehen. In Organisationen fällt mir diese, oft auch sinnlose, Betriebsamkeit auf. Viele sind tagaus – tagein getrieben, höhere Ziele, neue Projekte, mehr erreichen wollen. Etwas Bescheidenheit würde zu mehr Menschlichkeit führen und mit Sicherheit auch zu mehr Erfolg. Kaffee gerne 😉 nächste Woche?

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